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Zur Übersicht | 23/04/2017

Therapie von Schilddrüsenerkrankungen – häufige Fehler

Die Schilddrüse ist ein zentrales Organ des menschlichen Mineralien- und Energiehaushalt. Es produziert Hormone, nämlich T3 und T4, die Einfluss auf viele Körperfunktionen und Organe wie Fetthaushalt, Muskeln, damit auch auf das Körpergewicht haben. Calcitonin und Parathormon aus der Nebenschilddrüse sind am Stoffwechsel von Calcium und den Knochen beteiligt. Bei Frauen und Männern ist die Schilddrüse über den Energie- und Eiweißhaushalt wichtig für die Sexualfunktion. Bei Kindern ist sie für das Größenwachstum und die Entwicklung des Gehirns bedeutend. Deshalb wird heute die Schilddrüsenfunktion bei Neugeborenen untersucht. Vorsicht bei Einnahme bestimmter Arzneistoffe.  Beta-Blocker, Glukokortikoide  wie Kortison, das Psychopharmakon Lithium und bestimmte Blutverdünnungsmittel (Marcumar, Dicumarol) können die Schilddrüsenwerte verändern.

Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenentzündung werden im Blut die Level von Antikörpern gemessen, die das Schilddrüsengewebe angreifen. Bei Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) sind Anti-Tg- und Anti-TPO- Antikörper relevant, bei Hyperthyreose (Überfunktion) auch die TRAK.

Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 können durchaus bei Funktionsstörungen noch normal sein. Daher ist der TSH-Wert der wichtigste Laborwert für die Beurteilung der Schilddrüsenfunktion. Die Einstellung des TSH ist von vielen Faktoren abhängig.

In der Medizin werden sehr häufig Fehler gemacht bei der Beurteilung des Schilddrüsenhaushalts. Viele Faktoren werden nicht berücksichtigt. Das Gebiet ist sehr komplex und es bedarf einer gründlichen Erhebung der Vorgeschichte, um Patienten richtig einzustellen.  Meist wird nicht ausreichend gründlich gefragt.

Bei Älteren ab 50Jahren darf die Einstellung nicht zu straff erfolgen, es muss also weniger Hormon gegeben werden (Ziel TSH etwa 2-3) als bei Jüngeren. Bei über 70-Jährigen sollte das TSH bei 4-5 liegen. Der optimale Level ist natürlich auch vom Gesamtgesundheitszustand abhängig. Biologisch „junge“ 50Jährige können mehr Schilddrüsenhormon brauchen als „alte“. Je höher das Alter, um so eher kann man durch zu hohe Dosen den Knochen schwächen, z.B. Osteoporose begünstigen und Herzrhythmusstörung/-schwäche hervorrufen. Die Neigung zu Schlafstörungen und Nervosität kann zunehmen. Dies kann man in der Praxis öfters beobachten.

Nach einer aktuellen Langzeitstudie an fast 10.000 Patienten haben Menschen mit latenter Überfunktion der Schilddrüse ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Risiko, auf einen plötzlichen Herztod. Weitere Untersuchungen zeigen, dass das Schlaganfall- und das Demenzrisiko erhöht sind. Die meisten Ärzte streben einen TSH-Wert an, der einer latenten Überfunktion entspricht. Dazu kann nicht mehr geraten werden (Chaker L et al. (2016) Circulation. 2016 Sep 6;134(10):713-22. DO/10.1161/CIRCULATIONAHA.115.020789; Chaker L et al. (2016) J Clin Endocrinol Metab. DOI: 10.120/jc.2016-2255.

Schlafstörungen und Depressionen erhöhen das TSH im Mittel deutlich, da bei den Betroffenen der Stresslevel erhöht ist und die Hypophyse aktiviert wird. Ärzte geben bei solchen Patienten manchmal Hormone, obwohl dies gar nicht nötig ist bzw. erhöhen die Dosis. Dies erhöht den Stress noch, verschlimmert Schlafstörungen und schadet insgesamt. Wir sehen das in der Praxis häufig.

Häufiger Fehler: TSH muss ohne Gabe von Hormon am Morgen der Blutentnahme gecheckt werden.

Den meisten Patienten geht es besser, wenn das Hormon vor dem Schlafengehen verabreicht wird. Es steht dem Körper so am frühen Morgen zur Verfügung, wenn er es am meisten braucht. Das erspart den lästigen Abstand der Hormoneinnahme eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Zumindest einen Versuch ist die abendliche Gabe statt der morgendlichen wert.

Auch am Abend vor der Blutentnahme muss natürlich das Hormon weggelassen werden, wenn es abends genommen wird.

Eine Szintigrafie der Schilddrüse wird in der Medizin zu häufig durchgeführt. Wirklich nötig ist sie dann, wenn das TSH „supprimiert“ (unterdrückt) ist und wenn Knoten vorliegen, bei denen unklar ist, ob sie kalt, warm oder heiß sind. Warm oder heiß bedeutet, dass in dem Knotengewebe Schilddrüsenhormon produziert wird.

Noch immer ist Jodmangel eine der häufigsten Ursachen für Schilddrüsenunterfunktion. Der Arbeitskreis „Jodmangel“ der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) gibt an, dass in Deutschland mehr als 20 Mio. Menschen unter Kropfbildung („Jodmangelstrumen“), Unterfunktion oder knotigen Schilddrüsenveränderungen leiden, die durch eine ausreichende Jodversorgung  großteils vermieden werden könnten.
Deutschland ist Jodmangelgebiet, obwohl Tiere in der Landwirtschaft heute oft ausreichend mit Jod versorgt werden. Tierische Produkte wie Milch und Eier enthalten Jod, jedoch insgesamt noch nicht genug. Binnengewässer in Deutschland sind jodarm. Größere Jodmengen finden sich in Produkten aus dem Meer, die allerdings aus ökologischen Gründen zunehmend rar werden, vor allem, wenn es gute Qualität sein soll. Zudem sind Meeresfrüchte stark belastet durch Umweltschadstoffe und seit Fukushima durch radioaktive Isotope.  
Jodiertes Speisesalz ist sinnvoll, außer bei den seltenen Fällen von Jodallergie und bei einigen Patienten mit heißen Knoten, bei denen durch Jod eine Überfunktion enstehen kann. Bestimmte Nahrungsmittel können die Entstehung von Kropf (Struma, Vergrößerung der Schilddrüse)  begünstigen, weil sie die Jodaufnahme im Darm und die Verarbeitung im Stoffwechsel und in der Schilddrüse hemmen. Damit können sie – wenn sie zu den Hauptlebensmitteln gehören – Jodmangel verstärken. Problematisch ist rohes Kohlgemüse in großen Mengen (Kohlrabi, Rosenkohl, Weißkohl, Blaukraut, Broccoli, Grünkohl). Kochen inaktiviert die kropfbildenden Substanzen zum großen Teil. Roh gegessen werden meist Senf, Rettich, Radieschen und Kapuzinerkresse. Damit wirken sie auch jodhemmend. Jodblockende Bittermandeln, Hirse, Maniok und Süßkartoffeln stehen bei uns eher selten auf der Speiskarte. Die Aufnahme von Zyanwasserstoff (aus Blausäure, HCN, Zyanid) im Zigarettenrauch ist ein häufiges Problem. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Rauchen Jodmangel verschlimmert und Hypothyreosen begünstigt. Zudem tritt häufiger Morbus Basedow auf, eine Überfunktion der Schilddrüse  durch Autoimmunreaktionen auf den TSH-Schilddrüsen-Rezeptor und auf das Fettgewebe hinter den Augäpfeln. Walnüsse, Erdnüsse und Cashewkerne in größeren Mengen sind ebenfalls Jodräuber.  Auch Soja sollte maßvoll verzehrt werden.

Eine gute Vitamin D-Versorgung kann wahrscheinlich der häufigsten Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, Morbus Hashimoto, vorbeugen. Auch Selen kann hier präventiv/unterstützend wirken.   

Vorrang hat bei einer behandlungsbedürftigen Hypothyreose die ärztlich verordnete Therapie. Die häufig von Heilpraktikern und dogmatischen Naturheilkundlern behauptete Schädigung der Schilddrüse durch Hormone tritt nicht ein, wenn die Werte korrekt eingestellt werden. Durch Hormongabe wird die Schilddrüse nur vorübergehend kleiner bzw. produziert weniger Hormon. Sobald Hormon nicht mehr gegeben wird, „springt“ die Schilddrüse wieder an. Es ist also ein Kunstfehler, bei einer bewiesenen behandlungsbedürftigen Unterfunktion der Schilddrüse mit entsprechenden Symptomen dringend von außen benötigtes Hormon aus unbegründeten Ängste wegzulassen oder allein mit Homöopathie zu behandeln. Andererseits gibt es auch von Ärzteseite Fehler bei der Schilddrüseneinstellung (s.o.).

Welche Heilpflanzen und naturheilkundlichen Maßnahmen einen Beitrag bei der Schilddrüsentherapie leisten, können Sie bei Phytodoc nachlesen.

 

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